Tierversuche in der Medizin – Wie ist das eigentlich mit Kontaktlinsen?

Kontaktlinsen ohne Tierversuche

 

Wenn ihr euch Kontaktlinsen auf die Augen setzt, erwartet ihr eine scharfe Sicht und ein angenehmes Tragegefühl – und das am besten den ganzen Tag. Dank innovativer Technologien und immer neuer Entwicklungen, erfüllen die meisten Kontaktlinsen diese Anforderungen heutzutage wie selbstverständlich.

Bevor allerdings neue Kontaktlinsenmaterialien überhaupt auf den Markt gebracht werden dürfen, sind zahlreiche Testverfahren erforderlich, die die Unbedenklichkeit der Produkte nachweisen. Die Frage ob und in welchem Maße Tiere dabei eine Rolle spielen, ist besonders für Vegetarier und Veganer von größter Bedeutung.

Da es uns von Lensspirit wichtig ist, dass ihr nicht nur mit der Qualität unserer Produkte zufrieden seid, sondern diese auch mit einem guten Gefühl verwendet, habe ich mich mit der Thematik Tierversuche in der Kontaktlinsen-Forschung etwas genauer auseinandergesetzt.

Tierversuche in der Medizin – Eine jahrhundertelange Leidensgeschichte mit Happy End?

Die Geschichte der Medizin ist leider auch eine Geschichte der Tierversuche. Beinahe alles was wir heute über unseren Körper, über Krankheiten und Behandlungsmethoden wissen, hat ihren Ursprung in Experimenten mit lebenden Tieren. Jahrhundertelang war das eine anerkannte und moralisch einwandfreie Methode, die medizinische Forschung voranzutreiben. Heute sind Tierversuche ebenfalls noch weitverbreitet. Aus ethischen Gesichtspunkten  jedoch mehr als umstritten, werden sie schon bald und hoffentlich endgültig aus den Testlaboren verbannt sein.

Führen Kontaktlinsenhersteller Tierversuche durch?

Auch Kontaktlinsen zählen zu den medizinischen Produkten, die erst nach langwierigen und aufwendigen Versuchsreihen für den Menschen zugelassen werden. Ich habe mich bei den führenden Kontaktlinsenherstellern erkundigt, inwiefern für solche Tests Versuche an lebenden Tieren durchgeführt werden müssen. Die Antworten, die ich erhalten habe, waren weitgehend übereinstimmend. Die wörtlichen Statements findet ihr im Anschluss an den Blogbeitrag, ich möchte nur die wichtigsten Inhalte herausgreifen.

Tierversuche bei der Entwicklung von Kontaktlinsen

Die angefragten Unternehmen CooperVision, Bausch + Lomb, Alcon und Johnson & Johnson haben erklärt, dass Tierversuche in beschränktem Maße durchgeführt werden müssten, um die hohen Standards, die die weltweiten Richtlinien vorgeben (z.B. die der US-Amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA), einzuhalten. Alternative Methoden würden jedoch, wann immer möglich, Experimenten mit lebenden Tieren vorgezogen und Tierversuche auf ein Minimum reduziert. Außerdem würden die strengen Vorgaben des Tierschutzes konsequent eingehalten.

Kontaktlinsen Forschung

Gibt es Hersteller, die keine Tierversuche durchführen?

Unter den zahlreichen Kontaktlinsen-Herstellern befindet sich nur ein kleiner Teil, der tatsächlich auch auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung aktiv ist. Dazu zählen in erster Linie die oben genannten Unternehmen. Andere Hersteller verwenden extern entwickelte Materialien für ihre eigenen Produkte. Auf Nachfrage bei MPG&E wurde mir erklärt, dass sowohl das Unternehmen selbst als auch seine Lieferanten keine Tierversuche durchführen, es jedoch sehr wahrscheinlich ist, dass es bei der Entwicklung der Materialien irgendwann einmal Experimente mit lebenden Tieren gegeben hat. Das heißt, dass ein Großteil der Kontaktlinsen-Hersteller zwar keine Tierversuche durchführt, aber letztlich dennoch von den Ergebnissen aus solchen profitiert.

Welche Aussagekraft haben die Statements der Hersteller?

Wenn ihr die Statements von Herstellern zu Tierversuchen lest, solltet ihr daher zwei wesentliche Punkte beachten:

  1. Betreibt der Hersteller, von dem das Statement stammt, selbst überhaupt Forschung? Ein Hersteller, der selbst nicht an der Materialentwicklung beteiligt ist, kann natürlich von sich behaupten, keine Tierversuche durchzuführen. Indirekt ist er an solchen natürlich dennoch beteiligt, da er entsprechendes Material nutzt.
  2. Tierversuche und tierische Bestandteile in Kontaktlinsen sind zwei völlig unterschiedliche Aspekte. Die vier großen Hersteller haben mir versichert, dass ihre Kontaktlinsen absolut frei von tierischen Substanzen sind.

Warum reichen alternative Methoden nicht aus?

Das Ziel der Forschung ist es, die Anzahl der Versuchstiere in den Laboren nachhaltig zu verringern. Dazu werden schon heute zahlreiche Methoden angewandt, bei denen lebende Tiere keine Rolle spielen. Diese Methoden sind jedoch noch nicht ausgereift genug, um alleinstehend ausreichende Ergebnisse zu liefern. So werden beispielsweise  Simulationen verwendet um zu erwartende Ereignisse vorauszusagen und die Experimente zielgerichtet darauf abzustimmen. Die tatsächlichen Ergebnisse lassen sich damit jedoch nicht ermitteln. Alternative Test-Methoden, wie Versuche an menschlichen Zellen, sind in einigen Fällen tatsächlich sehr gut geeignet (besser sogar als Tiere), allerdings können sie nicht die Eigenheiten und Wechselwirkungen eines komplexen Organismus widerspiegeln.

Sind die Anstrengungen der Pharmaunternehmen wirklich glaubhaft?

Woher wissen wir, dass die Beteuerungen der Hersteller auch tatsächlich ernst gemeint und nicht nur leere Worthülsen sind, die die Verbraucher besänftigen sollen? Zwei Aspekte spielen hier eine wesentliche Rolle, die wirtschaftlichen und die ethisch-moralischen. Tierversuche sind kostspielig und werden durch die höheren Standards (verbesserte Haltungsbedingungen, verschärfte Kontrollen) zukünftig noch viel kostspieliger werden. Die Investition in alternative Forschungsmethoden lohnt sich daher für die Pharmaunternehmen vor allem nachhaltig. Auf der anderen Seite verbessert der Verzicht auf Tierversuche auch die Arbeitsbedingungen der Forscher. Die Wissenschaftler, die an Experimenten mit lebenden Tieren beteiligt sind, sind schließlich keine herzlosen Maschinen, sondern Menschen genau wie wir. Menschen, die selber Haustiere haben und denen sehr viel daran liegt, die Nutzung von Tieren bei medizinischen Versuchsreihen zu vermeiden.

Ein Hersteller-Boykott ist der falsche Weg

Aufgrund der gesetzlichen Richtlinien haben die Kontaktlinsen-Hersteller zurzeit gar keine andere Möglichkeit als auf Tierversuche zurückzugreifen. Tatsächlich haben meine Recherchen ergeben, dass alle Hersteller auf Experimente mit Tieren angewiesen sind, entweder direkt oder indirekt. Eine Abstrafung einzelner Hersteller, wie sie in einigen Internetforen gefordert wird, ist daher nicht sinnvoll. Zumal ein konsequenter Verzicht auf Artikel, die mithilfe von Tierversuchen entwickelt wurden, bedeutete, dass ein Großteil aller Medikamente überhaupt boykottiert werden müsste.

verwendete Quellen:
Verband forschender Arzneimittelhersteller. Tierversuche und Tierschutz in der Pharmaindustrie. Trends und Alternativen (Berlin 2012).

Kontaktlinsen ohne Bedenken tragen Lensspirit


Das haben mir die vier führenden Kontaktlinsen-Hersteller auf die Frage, inwiefern Tierversuche bei ihnen durchgeführt werden, geantwortet:

Alcon Kontaktlinsen

„Wir bei Alcon sind uns der Bedeutung des Tierschutzes bewusst. Kontaktlinsen und Kontaktlinsenpflegemittel sind Medizinprodukte. Wie alle anderen Unternehmen, die Medizinprodukte zur Anwendung am Menschen entwickeln, muss auch Alcon eine begrenzte Anzahl von Tierversuchen durchführen, da die weltweiten Zulassungsbehörden bzw. Gesetze diese Versuche fordern.

Wir unterstützen die humane Behandlung von Tieren und befolgen uneingeschränkt die internationalen Abkommen wie auch Tierschutzvorschriften und –richtlinien der Gesundheitsbehörden in allen Ländern, in denen wir tätig sind.

Spezielle Komitees, welche sich aus von Alcon unabhängigen Mitgliedern zusammensetzen, bewilligen Experimente und überwachen den Ablauf, um sicherzustellen, dass die Vorschriften eingehalten werden. Alcon verfolgt aktiv die Entwicklung alternativer Testmethoden, wie zum Beispiel in vitro Tests oder andere moderne Methoden.“

Bausch+Lomb Kontaktlinsen

„Wie Sie wissen, beinhaltet unsere Unternehmenssparte Eye Healthcare Kontaktlinsen, Lösungen zur Pflege und Reinigung von Kontaktlinsen, rezeptfreie und verschreibungspflichtige Pharmazeutika sowie medizinische Geräte, die in der Katarakt- und refraktiven Chirurgie zum Einsatz kommen. Wir sind unbedingt verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass unsere Produkte sowohl sicher als auch für den jeweiligen Verwendungszweck wirksam sind. Es handelt sich dabei um Healthcare-Produkte, die direkten Kontakt mit dem menschlichen Auge haben.

Solche Produkte werden nur in dem Maß an Tieren getestet, wie es notwendig ist, um ihre Sicherheit und Wirksamkeit zu gewährleisten und den gesetzlichen Anforderungen für Produktzulassungen und weitere klinische Tests gerecht zu werden.

Wir erkennen die Bedenken hinsichtlich der artgerechten Behandlung von Tieren an und teilen sie, und wir halten uns an das Statement for the Use of Animals in Ophthalmic an Vision Research der Association for Research in Vision and Ophthalmology. Wir tun unser Bestes, um sicherzustellen, dass unsere Forschung keine Arbeiten dupliziert, die in einem bestimmten Bereich bereits dokumentiert wurden; dass Alternativen in Erwägung gezogen werden, um entweder Tierversuche komplett zu ersetzen oder die Anzahl der benötigten Tiere auf ein absolutes Minimum zu verringern; dass alle erforderlichen Maßnahmen getroffen wurden, um Schmerzen und Stress für die beteiligten Tiere vollständig auszuschließen; und dass eine tierärztliche Aufsicht vorhanden ist, um die artgerechte Behandlung von Tieren in unseren Produkttests zu gewährleisten.

Aufsichtsbehördliche Protokolle für die Zulassung von Produkten wie unsere verlangen eine gewisse Anzahl vorklinischer Tierversuche. Wir müssen diese Protokolle einhalten, wenn unsere Produkte für die Verwendung an Menschen zugelassen werden sollen. Wir begrenzen unsere Tierversuche ausschließlich auf absolut unbekannte Substanzen, wir führen vor jedem Tierversuch ein in-vitro-Screening durch, bei dem mögliche bedenkliche Substanzen eliminiert werden, und wir sorgen dafür, dass kein Tier in den vorklinischen Tests mit unseren Produkten Schmerzen oder Beschwerden erleidet.

Zwar macht die Entwicklung von Alternativen für die Verwendung von Tieren in der Gesundheitsforschung Fortschritte, leider gibt es bislang noch keinen Ersatz, mit dem die komplexen Abläufe chemischer und biologischer Interaktionen in einem lebenden Organismus zur Zufriedenheit der Aufsichtsbehörden adäquat modelliert werden können

Wir bei Bausch + Lomb bleiben der artgerechten, verantwortungsvollen und respektvollen Behandlung von Tieren verpflichtet und unternehmen jede Anstrengung, um Alternativen zu verwenden, wo immer dies möglich ist.“

CooperVision Kontaktlinsen

„CooperVision hat es sich zur Aufgabe gemacht, unseren Kundinnen und Kunden wirksame und sichere Kontaktlinsen anzubieten. Die deutschen und internationalen Normen zur Herstellung von medizinischen Geräten und Produkten sind uns wichtig, ebenso wie die Tierschutzgesetzgebung und ethische Grundsätze. CooperVision Kontaktlinsen werden nicht aus tierischen Produkten gefertigt.

CooperVision ist ein verantwortungsbewusster Hersteller von medizinischen Produkten. Wie alle Hersteller medizinischer Geräte und Produkte, die Waren in den Ländern der Europäischen Union anbieten, ist CooperVision an die „Medical Device Directive“ (93/42/EWG) gebunden. CooperVision unterstützt das Ziel, auf Tierversuche zu verzichten und alternative Methoden zu verwenden.

Um sicherzustellen, dass alle Kontaktlinsen für die vorgesehene Verwendung sicher sind, erfüllen wir die grundlegenden Anforderungen gemäß der oben genannten Richtlinie für medizinische Geräte und Produkte. Demnach müssen wir eine Reihe von Testverfahren erfüllen und die Ergebnisse den zuständigen Aufsichtsbehörden nachweisen. Sind laut den regulatorischen Anforderungen Tierversuche erforderlich, stellen wir sicher, dass diese auf einem Minimum gehalten und immer in staatlich reglementierten Labors durchgeführt werden.

Die Unbedenklichkeit der CooperVision Kontaktlinsen wird durch verantwortungsvolle Mitarbeiter, sorgfältige Rohstoffauswahl, modernsten Produktionsstandards und eingehende Sicherheitsprüfungen garantiert.“

Johnson&Johnson Kontaktlinsen

Als Hersteller von Gesundheitsprodukten, hat Johnson & Johnson eine Verantwortung die Sicherheit für die Anwendungsbereiche seiner Produkte und den unbeabsichtigten Missbrauch zu gewährleisten.

Die hauptsächliche Bedeutung dieser Absicherung setzt sich auch fort in einer vernünftigen und ethischen Nutzung von Labortieren und in vitro-(Reagenzglas) Tests. ACUVUE® Kontaktlinsen sind (verschreibungspflichtige) Medizinprodukte. Die FDA (Food and Drug Administration) fordert Sicherheitstests mit Tieren für die Zulassung von Kontaktlinsen. Die Minimalanforderungen von Tierversuchen werden durchgeführt um die FDA Anforderungen zu erfüllen.

Da momentan keine einzelnen, gültigen, alternativen Tests zur Verfügung stehen, die Tierversuche voll und ganz ersetzen können, hat sich Johnson & Johnson verpflichtet durch interne Bemühungen wie auch durch unterstützende Studien an konzernfremden Forschungseinrichtungen nach Alternativen zu suchen. Sobald alternative, gültige Möglichkeiten zur Verfügung stehen, seien Sie bitte versichert, wird Johnson & Johnson die Vorreiterrolle übernehmen diese in das Testprogramm zu implementieren.“

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Über den Autor /


Immanuel

ist Online-Redakteur bei Lensspirit und bereichert unseren Blog mit spannenden Artikeln zu den Themen Ausbildung, Forschung, Wissenschaft und Kultur.

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3 Kommentare

  1. Freudiger Janine

    Lieber Immanuel
    Es berührt mich, dass ihr von Lensspirit euch auch um solche Themen kümmert! Als Konsument bin ich manchmal etwas überfordert von der Flut der Informationen, resp. derjenigen Informationen, welche eben nicht einfach auf den Hompages der Hersteller ersichtlich sind, sondern einzeln eingeholt werden müssen.
    Ganz herzlichen Dank für deine Recherchen und die tolle Übersicht der Hersteller und Ihre Statements zu den angewandten Testmethoden und Forschungsbemühungen.
    Ich hoffe sehr, dass die Zeit der Tierversuche wirklich bald zu Ende ist…
    Herzliche Grüsse aus der Schweiz, Janine

  2. Immanuel

    Hallo Janine,
    Vielen Dank für dein Lob. Uns von Lensspirit ist es wichtig, auch über solche sensiblen Themen zu berichten. Dementsprechend freue ich mich sehr über dein positives Feedback. Ich persönlich bin -insbesondere nach den umfangreichen Recherchen- davon überzeugt, dass Tierversuche in der medizinischen Forschung schon bald der Vergangenheit angehören :).

    Liebe Grüße
    Immanuel

  3. Andrea

    Ich finde den Beitrag sehr gut, auch wenn er von 2015 ist.
    Ich denke auch man kann die Tierversuche in dem Bereich abstellen.
    Pflegemittel gibt es jetzt genügend und wenn es nur noch um den Komfort geht, kann man eigentlich auch menschliche Probanten suchen.
    Ob eine Linse piekt oder kratzt stell ich schnell fest und nehm die Linse raus, Nach einem Tier wird eventuell erst nach Stunden gesehen.
    Das Geld was man durch weglassen der Tierversuche einspart kann man die menschlichen Tester stecken.
    Ich denke da melden sich genug, nur die Industie schreckt davor zurück.

    Und bei der Krebsforschung, es gibt sicher genug Krebspatienten die sich sicher ebenfalls für Medikamententest melden würden, manchen kann leider oft nicht mehr geholfen werden, warum dann nicht noch anderen damit helfen.
    Oft sind die Studien an Tieren nicht übertragbar auf den Menschen, das wurde schon erwiesen. Sie leiden und sterben also umsonst.

    Der Mensch sollte viel mehr selber für Versuche herhalten und ich denke es gibt genug Menschen die sich Freiwillig melden würden

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